Die neun Stadien des Rolle-Fahrens

Wahoo Bike-Trainer Paceheads

Rolle-Fahren ist toll, Rolle-Fahren macht Spaß! Meistens zumindest. Denn jeder kennt diese Momente kurz vor dem Training, wenn man realisiert, der Beziehungsstatus von mir und der Rolle hat sich geändert: es ist kompliziert. Der Weg von „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ bis zur erneuten „Glückseligkeit“ ist lang. Doch wenn wir ehrlich sind: Am Ende wird alles gut und Spaß hatte man auch! Hier kommen die neun Stadien eines Rolle-Trainings, die sich emotional mit denen nach einer Trennung überraschend ähneln.

  • Stadium 1: Nicht-Wahrhaben-Wollen
  • Stadium 2: Unter Strom
  • Stadium 3: Kofferpacken
  • Stadium 4: Ablenkung
  • Stadium 5: Depression
  • Stadium 6: Gefühlschaos
  • Stadium 7: Akzeptanz
  • Stadium 8: Neuorientierung
  • Stadium 9: Glückseligkeit

Stadium 1: Nicht-Wahrhaben-Wollen

Wie kann das denn sein: Es stehen schon wieder Intervalle auf der Rolle an? Die Rolle und ich, wir haben uns doch immer gut verstanden. Warum jetzt das? Nun prüfe ich seit zwei Tagen schon, ob meine Körpertemperatur nicht doch ein bisschen hoch ist, mein Hals nicht doch etwas kratzt. Aber nein. Nie ist man krank, wenn man es braucht. Und dann zack, wer kennt es nicht, zwei Tage vor dem Hauptwettkampf schwellen alle verfügbaren Lymphknoten auf Tennisballgröße an. Aber es hilft ja nichts: Leistung kommt nun mal durch Training zustande, selbst wenn das Sofa gerade so süß lächelt, dass es schwer ist, ihm zu widerstehen.

Stadium 2: Unter Strom

Ganz wichtig beim Rolle fahren: Sind alle Geräte aufgeladen, alle kabelgebundenen, elektronischen Geräte eingestöpselt, kalibriert und eine störungsfreie Verbindung hergestellt. Am besten erfolgt dieser Check ein paar Stunden vor dem Training, sonst kann es die ein oder andere Überraschung geben und das Training verschiebt sich unnötig nach hinten. Oder man trainiert ausnahmsweise mal ohne Zwift und Powerme … kleiner Scherz. Was man heutzutage alles braucht um Sport zu treiben. In der Jugend meines Vaters war das einzige Equipment, wie er behauptet, Turn-, ja ich wiederhole, Turnschuhe. Also nicht wie heute: Radcomputer, Herzfrequenzsensor, Leistungsmesser, Trittfrequenzsensor, Handy, Laptop, Tablet, Bluetooth-Kopfhörer, MP3-Player, Ventilator, Eiswürfelmaschine und die einzelnen Fernbedienungen für jedes dieser Geräte. Check, check und check. Energie in den Beinen? Man wird sehen.

Stadium 3: Kofferpacken

Ich verstehe es zwar nicht, aber habe Einsicht. Ich werde packen. Es gibt einen Haufen Utensilien, die man zum Rollefahren braucht, bzw. zu brauchen glaubt. Wer meint mit der Elektronik wäre es getan, irrt. Mehr als beim Outdoor-Pedant. Nichts ist nerviger und jeder der schon mal auf der Rolle saß kennt es: Kaum sitzt man im Sattel, fällt einem ein, was man noch vergessen hat. Also runter vom Rad, raus aus den Radschuhen, um den Paketboden zu schonen, Entfallenes holen und weiter geht’s. Übrigens, den Postboten-Dusche-Effekt gibt es auch für Rollefahrer. Nur hat man hier Kopfhörer auf und hört ihn nicht klingeln.

Also packe ich meinen Koffer und nehme mit: Radschuhe, Handtuch, Schweißstirnband, Brustgurt, Wasser, mehr Wasser. Und noch das Fenster öffnen.

Stadium 4: Ablenkung

Ich muss mich ablenken, sonst wird die Zeit nie vergehen. So gilt es jetzt nur noch das Unterhaltungsprogramm auszuwählen. „Nur“ ist gut. Amazon Video, Netflix, Maxdome, Sky, Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen, einen alten Schinken aus der DVD- oder Video-Sammlung oder doch lieber Sport, DAZN, Wintersport, Fußball, Darts, nur Musik über Spotify, Amazon Music oder über den guten, alten Schallplattenspieler. Im Second Stream dann eine virtuelle Route auf Zwift, während der neuste Vlog oder Video auf Instagram-live aufgenommen wird. Möglichkeiten über Möglichkeiten, Entscheidungen über Entscheidungen. Puh, Training ist anstrengend, bevor es überhaupt angefangen hat.

Stadium 5: Depression

Zu Beginn ein lockeres Einfahren. Ist der Powermeter wirklich kalibriert? Die Wattwerte wollen nicht steigen und nach zwei Sekunden fließt mir der Schweiß schon aus allen Poren. Ich bin frustriert. Das kann ja heiter werden. Ich zähle die Sekunden rückwärts, bis ich wieder vom Rad steigen darf: 7198, 7197 … Damals bei Klausuren waren die Sekunden noch kürzer. Ich muss mich ablenken. Ich rede mir ein, die Dokumentation über die Kirschessigfliege in Südostasien sei spannend. Wusstet ihr, dass sie eng mit der Drosophila melanogaster verwandt ist? Nein? Da seht ihr‘s, spannend! Bei Zwift rolle ich locker durch die Landschaft, bzw. meine Mitstreiter locker an mir vorbei, checke nebenher meine E-Mails, Whats-App, Facebook, Instagram. So vergeht die Zeit wie im Fluge. Gefühlt eine halbe Stunde später: Ein kurzer Blick auf die Uhr. Vier Minuten sind verstrichen. Positiv sehen, immerhin schon vier. Jetzt noch das doppelte, fünf Minuten addiert und mit drei multipliziert und schon fangen die Intervalle an und ab dann geht’s ja eh schnell.

Stadium 6: Gefühlschaos

Geschafft. Also das Einfahren. Langsam habe ich mich ans Tempo gewöhnt. Der Tritt ist leichtgängig und die Wattwerte stimmen. Soll ich jetzt wirklich daran was ändern? Ich könnte die Intervalle auf übermorgen verschieben und jetzt einfach weiterrollen. Passt das nicht eh viel besser? Mein Trainer würde das sicher auch bestätigen. Soll ich ihn anrufen? Nach dem Schwimmworkout bin ich dann schon aufgewärmt und im Triathlon muss ich auch vorher ins Wasser. Und was war das? Hat das rechte Knie nicht gerade gezwickt, oder war es das linke? Wäre es nicht sogar vernünftig, ja sogar meine Pflicht als verantwortungsbewusster Athlet mit Vorbildfunktion die Intervalle zu verschieben? Noch sechs Monate bis zum ersten Wettkampf. Jetzt eine Verletzung, das wäre prekär. Alles nur Einbildung schimpfe ich mit mir. Jetzt oder nie! Nie klingt verlockend? Nein, jetzt!

Stadium 7: Akzeptanz

Hilft ja alles nichts, lass uns starten. Vielleicht noch mal die Toilette aufsuchen vor dem Hauptprogramm? Schaut man sich den Boden unter dem Trainer an, kann eigentlich keine Flüssigkeit mehr den Körper verlassen. Der Ventilator steht auf höchster Stufe. Nur noch mehr warme, verbrauchte Luft bläst mir ins Gesicht. Hawaii-Feeling kommt auf. Und ich? Ich drehe am Rad.

Stadium 8: Neuorientierung

Intervall 1

Das erste Intervall ist Geschichte. Es läuft super. Zehn Watt mehr als geplant. Irgendein schlauer Mensch hat mal gesagt: „Was man hat, hat man.“ War es Goethe? Schäuble? Jonas Schomburg? Günther Jauch? Oder der steuertricksende Sportphilosoph Uli Hoeneß? Egal, zu Recht hat sich die Methode im Wettkampfsport durchgesetzt.  Ich rechne kurz durch, für die Restlichen muss ich jetzt 0,6 Watt weniger treten. Das wird einfach, ganz einfach.

Intervalle 2

Egal, wer den Spruch gebracht hat, er hatte unrecht, ganz unrecht. Welcher Depp hat das gesagt? Hat das je geklappt? Jauch war es sicher nicht, fällt mir ein. Er hätte mir bewusst gemacht, dass ich weit zurückfallen könnte. Ich bereue es sehr, die zehn Watt mehr getreten zu haben. Der Puffer ist auf vier Watt gesunken. Positiv bleiben. Vier über null.  Über der schwarzen Null. Aber es ist bereits ein Sauerstoffdefizit aufgetreten. Drittes Intervall: Nur keine Neuverschuldung zulassen. Schäuble lässt grüßen.

Intervall 3

Die ersten Badegäste kommen vom benachbarten Schwimmbad in meine Wohnung, weil sich herumgesprochen hat, dass hier die Dampfsauna besser sein soll. Wie soll ich die restlichen Intervalle überstehen? Asterix rät mir lieber einen Besen holen, aber keinen allzu schweren.

Intervall 4

Die Nachbarn über mir glauben schon, eine Fußbodenheizung zu besitzen, während die unter mir panisch einen Klempner rufen, da es von ihrer Decke tropft.

Intervall 5

Der weiße Dampf, der aus meinen Fenstern steigt, ist bis nach Rom zu sehen, wo der Papst erschrickt, da er meint abgewählt worden zu sein, während die Schoschonen aufgrund der Rauch-, bzw. Dampfzeichen meinen, ich hätte den Klappstuhl ausgegraben.

Intervall 6

Ich beobachte live unter mir, wie das Leben wohl vor 3,5 Milliarden Jahren entstanden sein muss.

Intervall 7

Die Regenwürmer kommen aus dem Parkett, die ersten Wasserschildkröten schwimmen unter mir vorbei.

Intervall 8

Ich schreibe einen Wikipedia-Artikel um. Es ist offiziell: Es gibt acht Weltmeere.

Intervall 9

Nestlé ruft an und möchte den Wasservorrat in meiner Wohnung privatisieren. Ich lehne dankend ab.

Intervall 10

Das Handtuch ist inzwischen so schwer, dass jedes Abtrocknen des Gesichts einem Biceps Curl gleichkommt. Krafttraining, Check!

Vorletztes Intervall

Inzwischen haben sich Eisenbahnliebhaber angelockt durch die Geräusche in meinem Wohnzimmer eingefunden, um die Dampflokomotive anzuschauen. Ich pfeife aus allen Löchern und japse nach Luft. Einer noch und bekanntlich geht einer immer.

Stadium 9: Glückseligkeit

Geschafft. Der letzte ging tatsächlich noch. Ich belass es dabei und beginne mich auszufahren. 

Eine Träne verdrückend klopfe ich mir innerlich auf die Schulter. Jetzt kann ich positiv in die Zukunft schauen. Wie tapfer ich war. Ohne viel zu jammern, knallhart durchgezogen. Ich höre meinen Schweinehund vom Sofa leise lachen und er murmelt: Ohne viel zu jammern, hat er gesagt …

 

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Bis bald

Euer Elias von Paceheads

Elias
Paceheads Profi-Triathlet & Coach.

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